Hallo Leute,
also dass nach meinem letzten Blogeintrag so viel Zeit vergehen würde, bis ich wieder mal was schreibe, hatte ich eigentlich nicht geplant. Es liegt auch mit Sicherheit nicht daran, dass seitdem nichts passiert ist, sondern vielmehr an der Tatsache, dass ich in letzter Zeit unheimlich viel zu tun hatte. Aber alles der Reihe nach. Ich hatte ja versprochen, etwas über die Sicherheitsphilosophie bei Rio Tinto zu berichten.
Wie eigentlich alle großen, weltweit agierenden Konzerne steht auch Rio Tinto unter besonderer Beobachtung der weltweiten Öffentlichkeit im Hinblick auf Naturschutz und Arbeitssicherheit. Unfälle mit Mensch und Natur haben in der Vergangenheit des Öfteren weltweites Aufsehen erregt und zu massiven Konsequenzen für die beteiligten Firmen geführt. Beispiele hierfür sind die Tailings-Dammbrüche von Aznalcóllar (Spanien) im Jahr 1998 (Blei- /Zink- /Kupfer- Silberbergbau) und Baia Mare (Goldbergbau, Rumänien) im Frühjahr 2000 genannt, die erhebliche Umweltzerstörungen zur Folge hatten. Das von der Rio Tinto Tochter Luzenac betriebene Bergwerk Lassing (Österreich) hatte im Jahr 1998 einen unvorhersehbaren Wassereinbruch, der zehn Menschen das Laben kostete und zur Aufgabe des Bergwerks zwang. Den meisten von uns dürfte dieses Ereignis als das „Wunder von Lassing“ mit der Rettung des Bergmanns Georg Hainzl nach neun Tagen Verschüttung noch in Erinnerung sein.
Rio Tinto ist bestrebt, solche Tragödien in Zukunft unter allen Umständen zu vermeiden. Oberstes Ziel ist es, einen Bergbau zu betreiben, der gewährleistet, dass jeder Mitarbeiter nach seinem Arbeitstag genauso wohlbehalten wieder nach Hause kommt, wie er am Morgen gestartet ist. Arbeitssicherheit wird deshalb absolut groß geschrieben, vollkommen unabhängig davon, ob sich das Bergwerk in einem entwickelten Land wie Australien oder Österreich befindet oder etwa in der Mongolei oder Ghana. Es ist deshalb von diesem Gesichtspunkt her betrachtet, vollkommen egal, wo man arbeitet. Von meinen Erfahrungen aus dem Deutschen Bergbau kann ich absolut sicher sagen, dass die Sicherheitsstandards bei Rio Tinto deutlich höher sind. Dies mag unter anderem daran liegen, dass man eine vollkommen andere Sicherheitsphilosophie hat, als wir Deutschen. Während man bei uns in Deutschland Arbeitssicherheit eher als notwendiges Übel betrachtet, ist dies hier ein integraler Bestandteil des täglichen Arbeitsablaufs. Jede Tagesbesprechung beginnt mit dem Thema Arbeitssicherheit. Dabei werden aktuelle Vorfälle (Unfälle und beinahe -Unfälle) aus dem australischen Bergbau und den Rio Tinto Bergwerken besprochen und analysiert, in wieweit das bei uns passieren kann. Die meisten Fälle sind eigentlich keine wirklichen Vorfälle, sondern lediglich meldepflichtige(!) Geschehnisse ohne Konsequenzen für die Gesundheit der Mitarbeiter. Das ist zum Beispiel das Annähern an einen Bagger im 200m Umkreis, ohne vorher vom Baggerführer über Funk die Erlaubnis dafür bekommen zu haben. Zudem ist jeder dazu verpflichtet, ein so genanntes „Take Five“- Buch mit sich zu führen.
„Take Five“ steht für:
- Stop
- Think
- Identify
- Plan
- Proceed
Das ist ein kleiner Block, der ein kleines Formular enthält, das vor jeder Handlung auf dem Betriebsgelände ausgefüllt werden muss. Es ist im Grunde eine Gefahrenanalyse (risk assessment), die meine geplante Handlung erbringen kann. Im oberen Teil müssen Fragen mit einem Kreuz beantwortet werden, wie zum Beispiel „Kann ich ausrutschen oder Fallen?“, „Arbeite ich innerhalb eines zehn Meter Bereichs einer Böschung oder Böschungskante?“, „Fühle ich mich müde oder nicht fit, um zu arbeiten?“, „Arbeite ich während einer Hochrisikozeit (erster Arbeitstag/-nacht zwischen 3 und 5 Uhr)?“, „Hat sich das Wetter geändert?“. Wird eine der Fragen mit Ja beantwortet, muss man die nachfolgende Tabelle ausfüllen, die zwei Spalten enthält: „Wie kann ich verletzt werden?“ und „Maßnahmen zu deren Vermeidung“.
Egal wie man darüber denkt, muss man sagen, dass dadurch jeder vor Arbeitsbeginn dazu angehalten ist, zu überlegen, was er heute macht und welchen Gefahren er sich dadurch aussetzt. Denn schließlich passieren die meisten Unfälle dadurch, dass man sich der Gefahren nicht bewusst ist.
Dieses „Take Five“- Buch ist ein Dokument, das mindestens bis zum Ende der Schicht bereitgehalten werden muss. Regelmäßige Kontrollen gewährleisten, dass diese Regeln befolgt werden. Die bei den Kontrollen eingesammelten Dokumente werden beim Schichtwechsel bei der Tagesbesprechung der Gegenschicht im Meeting besprochen.
Wird man ohne ausgefülltes „Take Five“ erwischt, ist dies ein Kündigungsgrund. Gleiches gilt auch für das Arbeiten unter Drogeneinfluss. Prinzipiell muss jeder jeden Tag damit rechnen, einen Drogentest machen zu müssen. Sobald man sich mit seiner Karte an der Stechuhr anmeldet bestimmt der Zufallsgenerator, ob man zum Test muss oder nicht. Dies wird auf dem Display angezeigt und man hat sich sofort zum Betriebsarzt zu begeben. Die Promillegrenze für Alkohol liegt bei 0,2 Promille. Ein geeichter Alkomat am Eingang gibt jedem die Möglichkeit, seinen Alkoholspiegel vor Arbeitsbeginn zu messen. Die ausgedruckte Quittung ist übrigens ein offiziell gültiges Dokument, das auch bei einer Polizeikontrolle akzeptiert wird.
Wenn ich mir gerade den Umgang mit Alkohol anschaue, fallen mir auf Anhieb zwei Deutsche Bergwerke ein, bei denen fast die ganze Belegschaft sofort durchfallen würde, wenn man diese Regeln dort anwenden würde.
Aber im Grunde bleibt Rio Tinto nichts anderes übrig, als konsequent solche Maßnahmen umzusetzen. Und sie zeigen ja auch ihre Wirkung. Während vor 30 Jahren in meinem Betrieb pro Woche im Schnitt ein Unfall passierte, der zur Arbeitsunfähigkeit einer Person führte, ist dies heute nicht einmal mehr einer pro Jahr.
Aber das ist noch lange nicht alles. Wie schon erwähnt, beginnt die Arbeitssicherheit nicht erst am Arbeitsplatz. Fühlt man sich zum Beispiel müde, soll man zu Hause bleiben oder man wird nach Hause gefahren, da man sich und andere sonst einem erhöhten Sicherheitsrisiko aussetzt. Kostenlose Massagen oder medizinische Hilfe auf dem Betriebsgelände sind genauso eine Selbstverständlichkeit, wie ein psychologische Betreuung bei beruflichen und(!) familiären/privaten Problemen jeglicher Art.
Hinzu kommt noch intensive Sicherheitstrainings, sobald man das Bergwerksgelände betreten möchte, angefangen von allgemeinen Verhaltensregeln, bis hin zum Führerschein, der das Fahren von Autos und anderen Geräten im Bergwerk erlaubt.
Für diese „pit license“ habe ich zum Beispiel einen halben Tag mit meinem Sicherheitstrainer verbracht und bin mit Ihm nach der Theorieprüfung im Tagebau rum gefahren. Dabei wird zum Beispiel das sichere Abbremsen bei einem Bremsversagen auf eine Rampe mit 10% Gefälle simuliert. Auch lernt man, dass alle Fahrzeuge „fundamentally stable“ abgestellt werden müssen. Das heißt, dass sich das Fahrzeug nach dem Herausnehmen der Bremse und des Gangs nicht bewegen darf (das Nichteinhalten ist übrigens ein verschärfter Kündigungsgrund). Zudem bekommt man ein Training für das Verhalten im Brandfall. An einem brennenden Auto wird die Handhabung des Feuerlöschers geübt, bzw. das in Sicherheit bringen und richtige Melden solcher Vorfälle.
Ich denke, aus meinen Schilderungen wird ersichtlich, warum Firmen mit solchen Regeln keine Praktikanten nur für ein paar Wochen nehmen. Der Aufwand hierfür wäre viel zu groß.
Bevor ich das Thema Sicherheit hinter mich lasse, möchte ich noch etwas zu den Großgeräten sagen, die in unseren Tagebauen rum fahren. So schön wie die SKW auch aussehen, sie beherbergen ein großes Gefährdungspotential. Schließlich wiegt so ein Muldenkipper in beladenem Zustand locker mal 300 Tonnen und fährt mit 45 km/h durch die Gegend. Man kann sich kaum vorstellen, welche unglaubliche Kraft diese Maschinen haben und wie eingeschränkt das Sichtfeld des Fahrers ist. Deshalb gibt es die Regel, dass SKW grundsätzlich Vorfahrt haben (es sei denn es steht dort ein Verkehrsschild) und man diese nicht überholen darf. Zudem müssen immer mehr als 50m Abstand gehalten werde, da der Fahrer alles innerhalb dieses Radius nicht sehen kann. Möchte man sich einem stehenden SKW nun aber nähern (z.B. ein Servicefahrzeug), muss zuerst einmal per Funk das Einverständnis des SKW-Fahrers eingeholt werden. Danach darf das Fahrzeug bis auf 30m an den Muldenkipper heran fahren. Dort hat der Fahrer zu warten, bis der SKW-Fahrer von seinem Gerät gestiegen ist und den Boden erreicht hat. Erst dann darf man hin fahren.
Dass diese Regeln mehr als wichtig sind, zeigen die Unfälle, die immer wieder passieren, weil die Regeln missachtet werden und man meint, man könnte noch schnell über die Kreuzung fahren, usw.
Erst diese Woche gab’s einen Unfall in einem Kohletagebau in Queensland, bei dem man von Glück sprechen kann, dass der Fahrer des Autos mit mittelschweren Verletzungen davon gekommen ist. Ich habe mal das Foto des Unfalls für Euch in den Blog kopiert.
Im Vordergrund seht Ihr das demolierte Auto (mit Überrollschutz) und im Hintergrund den SKW, der mit seinem linken Hinterrad über das Auto gerollt ist und natürlich keinen Schaden erlitten hat. Der SKW-Fahrer hat das Auto (das eigentlich hätte warten sollen) gar nicht gesehen und überhaupt nichts von dem Unfall mitbekommen. Die Massen quetschen das Auto einfach zusammen, ohne dass man das im SKW selber merken würde.
Ich denke, dieses Beispiel zeigt eindrucksvoll, dass man sich immer bewusst machen muss, welche Dimensionen diese Maschinen haben und dass man da als Mensch mit Abstand das kleinste und verwundbarste Glied ist.
Mit diesen Beispielen möchte ich nun auch das Thema Sicherheit abschließen. Ich hoffe, ich konnte Euch einen kleinen Eindruck davon geben, was hier getan wird, um ein sicheres Arbeiten zu gewährleisten.
Bis bald
Simon
1 WOCHE PATAGONIEN
vor 16 Jahren

1 Kommentar:
Assessment natürlich mit -ss.
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