Samstag, 6. September 2008

Koks- und Kraftwerkskohle aus dem Hunter Kohlebecken

1.09.2008. Es ist kaum zu glauben, aber mit dem ersten September hat meine dritte Woche in Australien begonnen. Wie schnell die Zeit vergeht! Da ein wöchentlicher Zimmerservice meine Wohnung putzt und freundlicherweise auch meinen Geschirrspüler ausräumt – praktisch wie daheim :-) – kann ich die dafür eingeplante Zeit meinem Blog widmen.
Bisher habe ich noch nicht viel zu meinem Bergwerk erzählt, was ich nun ändern möchte. Schließlich sollt Ihr erfahren, was ich die meiste Zeit hier mache und nicht fälschlicherweise den Eindruck gewinnen, dass ich es mir hier auf Kosten von Rio Tinto nur gut gehen lasse.
Es ist ja schon angeklungen, dass ich in der Steinkohle arbeite. Die Förderung von Energierohstoffen (Kohle und Uran) gehört neben der Eisenerz- und Aluminiumförderung zu den Hauptgeschäftsfeldern von Rio Tinto. Die Australische Steinkohleförderung ist unter dem Dach der Rio Tinto Coal Australia (RTCA) zusammengefasst, zu dem auch Coal and Allied gehört. Diese Untergruppe wurde im Jahr 2003 von Rio Tinto gekauft und fasst seitdem die Kohleförderung im Bundesstaat New South Wales (NSW) zusammen.
Generell liegen die Kohlenvorkommen Australiens überwiegend in den beiden Bundesstaaten Queensland und New South Wales.














Meine Grube, das Verbundbergwerk Mount Thorley Warkworth baut im Hunter Coalfield, an das sich nahtlos die Hunter Valley Operations (ebenfalls Coal and Allied) im Norden anschließen. Das Hunter Kohlenvorkommen ist eines von sechs großen Vorkommen in NSW. Hier sind praktisch alle großen Bergbaukonzerne tätig, sozusagen von A wie AngloAmerican bis X wie Xstrata. Auffallend ist aber auch, wie sehr sich vor allem japanische Firmen durch Joint-Ventures (JV) einen Zugriff auf ausländische Rohstoffvorkommen sichern. So besitzen Mitsubishi und Nippon Steel gut ein Drittel meines Bergwerks. Im Gegensatz dazu haben sich ja bekanntermaßen die Deutschen Firmen (Rohstoffförderer und Verbraucher gleichermaßen) von ihren ausländischen Beteiligungen vor Jahren verabschiedet – ein Zeugnis einer fehlenden / verfehlten Rohstoffpolitik Deutschlands…
Die Lagerstätte ist eine Mehrflözlagerstätte, bei der Flözpakete (zurzeit fünf mit jeweils ca. 7 Flözen) mit etwa 5° bis 10° in Richtung Westen einfallen.
Diese sind von oben nach unten:
• Blakefield (BL)
• Glen Munro (GM)
• Woodlands Hill (WH)
• Bowfield (BF)
• Warkworth (WW)
Das bedeutet, dass theoretisch die Deckgebirgsmächtigkeit nach Westen hin zunimmt. Allerdings ist dem in der Praxis nicht so, da mit dem Abtauchen der Flöze gleichzeitig neue, an der Oberfläche ausbeißende Flöze angeschnitten werden.










Durch den Kontakt mit dem Luftsauerstoff sind die oberen Bereiche dieser Flöze bereits oxidiert und damit wertlos. Ab einer Teufe von ca. 10m ist die Kohle dann förderwürdig. Konkret wird dieser Übergangsbereich im North Pit aufgeschlossen. Auf dem Bild könnt Ihr den ersten Abschnitt sehen, der vom Wombat Seam (WB) gewonnen werden wird. Dank dieser Lagerstättengunst bleibt das stripping ratio = Kohle zu Abraum-Verhältnis bei 4,75 extrem niedrig. Vergleicht man das mit dem in dieser Hinsicht schlechtesten Deutschen Braunkohlentagebau Jänschwalde mit einem Verhältnis von derzeit ca. 8:1 (bedingt durch Abbau des Hornoer Bergs), wird einem schnell klar, dass die Deutschen Lagerstätten klar benachteiligt sind. Hinzu kommt ja noch, dass es sich hier um Steinkohle handelt. Die durch den Abbau bedingten Tagebaurand-, Block-, Hangenden- und Liegendenverluste erhöhen das saleable coal ratio schließlich auf 8,24. Das bedeutet, dass insgesamt 8,24m³ Abraum bewegt werden müssen, um eine Tonne verkaufsfähige Kohle gewinnen zu können.
Anmerken möchte ich in diesem Zusammenhang noch, dass die Kohlenqualität der einzelnen Flöze sehr unterschiedlich ist. Einige Flöze beinhalten wertvolle Kokskohle, während andere Flöze nur Kraftwerkskohle beinhalten. Die wertvolle Kokskohle bringt auf dem Weltmarkt deutlich mehr Erlöse ein. So wird Kokskohle mit etwa $280/t verkauft, während man für eine Tonne Kraftwerkskohle nur ca. $100 bekommt. Da das Bergwerk Langfristlieferverträge hat, die hauptsächlich den Kraftwerksmarkt bedienen, fördert das Bergwerk sozusagen zwangsläufig Kokskohle mit. Dies führte im Monat August dazu, dass eine Extracharge Kokskohle auf dem Spotmarkt platziert werden konnte, die fast den gleichen Erlös brachte, wie die gesamte bis einschließlich Juli verkaufte Kohle!
Insgesamt fördern wir hier aus 5 Tagebauen im Jahr knapp 10 Mio. t Kohle, davon ungefähr 2,5 Mio. t Kokskohle. Für Leser, die nicht so mit dem Bergbau bewandert sind, sei darauf verwiesen, dass diese Fördermenge in etwa die Hälfte der Deutschen Steinkohlenförderung entspricht. Außerdem sind hier grob geschätzt 1.000 Leute beschäftigt, im Vergleich zu 23.000 Menschen im Deutschen Steinkohlenbergbau.
Die aus dem Tagebau kommende Kohle ist manchmal, bei sehr schonender Gewinnung, so sauber, dass sie an der Aufbereitung vorbeigeschleust werden und sofort verkauft werden kann. Besonders jetzt, wo der Weltmarkt eine sehr hohe Nachfrage bietet, wird alles getan, um so die Kapazitäten zu erhöhen, bzw. Aufbereitungsverluste zu umgehen (das Ausbringen liegt bei ca. 75%). Allerdings ist dies nur sehr begrenzt möglich. Die meiste Kohle geht durch unsere zwei Aufbereitungsanlagen (26.000t/Tag und 30.000t/Tag). Dort wird sie gewaschen und flotiert. Damit sind wir in der Lage neben der Kokskohle zwei Kraftwerkskohlenprodukte mit unterschiedlichen Aschegehalten zu produzieren. Das low ash product geht in den Export, wohingegen Kohle mit hohen Aschegehalten an die hiesigen Kraftwerke verkauft wird (Aschegehalt >20%). Durch gezieltes Mischen der unterschiedlichen Qualitäten erreichen wir somit eine optimale Ausnutzung der Lagerstätte.
Eine Besonderheit stellt die sog. BDT Coal dar, die Beneficiated Dewatered Tailings. Diese Kohle wird durch die Aufbereitung einer alten Tailingkippe gewonnen. Früher war nämlich die Aufbereitung hier nur mit einer einfachen Kohlenwäsche ausgestattet, eine Flotation fehlte. Folglich war man nicht in der Lage, die Kokskohle aus der Rohförderung zu gewinnen – wozu auch, wo sie doch zu dieser Zeit keiner gebrauchen konnte. Heute versilbert die Aufbereitung dieser Tailings die Unternehmensergebnisse. Dieser Sachverhalt verdeutlich eindrucksvoll, dass es im Bergbau extrem wichtig ist, dass man die heutigen „Abfälle“ sinnvoll versetzt, um sie in Zukunft vielleicht wieder gewinnen zu können.
Wenn nun die Kohle aus der Aufbereitung herauskommt, wird sie auf Züge mit jeweils 2 Loks und 80 Waggons verladen. So ein Zug ist dann 1,3km lang und fasst 7.600t Kohle. Ungefähr sieben dieser Züge verlassen jeden Tag das Werk und machen sich auf den Weg nach Newcastle, dem größten Kohlehafen der Welt. Dort tritt die Kohle dann ihre Reise in die asiatische Welt an, in der die meisten Verbraucher sitzen…
Ich könnte hier noch ewig weiter erzählen, aber irgendwann muss ich dann doch mal zur Hauptsache kommen, dem Gewinnungsprozess. Ich hab mir gedacht, ich splitte dieses Thema auf meine zukünftigen Beiträge auf, damit wird der Blog auch für die Laien lesbar. Ansonsten kann ich ja gleich ein Lehrbuch schreiben, was nicht der Sinn dieses Blogs ist.
Nur soviel heute noch dazu: Wir haben es mit einer Shovel & Truck and Dragline Operation zu tun. In meinem ersten Beitrag hatte ich ja schon mal ein paar Bilder von den Tagebaugeräten gezeigt. Ich habe letzten Freitag bei meiner täglichen Grubenfahrt mit meinem Supervisor ein paar schöne Bilder gemacht, die ich hier einfach kommentarlos anfügen möchte. Leider kommt die Größe der Maschinen in den Bildern nie so beeindruckend rüber, wie sie eigentlich in Wirklichkeit ist (zum Beispiel hat die Liebherr-Flotte eine Zuladung von 240t). Ich hoffe aber dennoch, einen gewissen Eindruck rüber bringen zu können.





















Nach der Sachgeschichte von heute kommt das nächste Mal wieder eine (Lach-)Geschichte – hoffe ich zumindest. Bis dahin verabschiede ich mich mit lieben Grüßen aus dem australischen Kohlebecken.

2 Kommentare:

heiko hat gesagt…

Und das seht ihr nach der naechsten Maus!

Ruhrpottfotograf hat gesagt…

Spannender Bericht und schöner Einblick in den australischen Bergbau!

Grüße
Joel